„Wir wollen einfach für die Menschen da sein“

Nora Borchert ist mit einem Alter von 85 Jahren das älteste Mitglied beim IFK. Im Generationengespräch trifft sie auf Alexander Chalupecky, 23 Jahre alt. Über eine Berufung, die verbindet. Der Artikel erschien in der Juliausgabe des IFK-Fachmagazins physiotherapie.

Ein Generationengespräch

Die Praxis von Nora Borchert liegt in einer ruhigen Nebenstraße in Dortmund-Hörde, nahe dem Phönixsee. Seit 2001 hat sie hier ihre physiotherapeutische Praxis, in der sie Kinder mit neurologischen Entwicklungsstörungen mit der Bobath-Therapie behandelt. Doch Borchert ist schon 85 Jahre alt und damit das älteste Mitglied des IFK – worauf sie sichtlich stolz ist: „Fragen Sie mich nicht, wie lange ich noch arbeiten möchte. Ich mache das einfach so lange, wie ich es noch kann und es mir Spaß macht.“

Seit 1959 ist sie Physiotherapeutin – oder Krankengymnastin, wie es damals noch hieß. „Wir waren die erste Klasse, die zu Krankengymnasten ausgebildet wurde“, erzählt sie. „Davor hieß es noch Heilgymnasten.“ Dass der Beruf mittlerweile Physiotherapie heißt, ist ihr nicht so wichtig. „Ich will Menschen helfen. Das ist es, worum es mir geht“, sagt Borchert.

„Alt“ trifft „Jung“

An diesem Tag sitzt noch ein anderer Physiotherapeut in der Praxis von Borchert, in der sie eigentlich allein arbeitet: Alexander Chalupecky ist in vielem das Gegenteil von Borchert. Er ist erst 23 Jahre alt, hat vor zwei Jahren seine Ausbildung zum Physiotherapeuten abgeschlossen und ist seit einem Jahr selbstständiger Physiotherapeut, die Praxis nur ein paar Autominuten entfernt. „Nach meiner Ausbildung habe ich meine Mutter, die auch Physiotherapeutin ist, überzeugt, dass wir uns zusammen selbstständig machen“, erzählt er über seinen eher ungewöhnlichen Werdegang – und bisher hat er es keine Sekunde bereut.

Physio-START als Eintrittstor

In den IFK ist Chalupecky als physio-START-Mitglied eingetreten. „Als klar war, dass wir uns selbstständig machen, habe ich mir alle Physiotherapieverbände angesehen. Ich habe mich für den IFK entschieden, weil das eben der Verband für die selbstständigen Physiotherapeuten ist. Die Betreuung war super; wir hatten immer eine Ansprechpartnerin“, erzählt er über seine Erfahrungen in der Zeit der Praxisgründung. Borchert hat sich erst spät für eine eigene Praxis entschieden.

Als sich die Praxis, in der sie bisher gearbeitet hat, umstrukturierte, macht sie sich selbstständig – mit 63 Jahren, einem Alter, in dem manch‘ anderer bereits in Rente geht. „Ich habe mir gedacht, ich kann ja jetzt nicht nur herumsitzen und häkeln“, lacht sie.

Der IFK als politische Stimme der Selbstständigen

Borchert ist seit ihrer Praxisgründung vor 22 Jahren Mitglied im IFK. „Ich kannte den Verband bereits von meiner vorherigen Arbeitgeberin. Ich bin dann direkt Mitglied geworden, als ich mich 2001 selbstständig gemacht habe“, erzählt sie. „Wenn ich selbstständig bin, brauche ich einen Verband, der meine Interessen vertritt.“ Auch Chalupecky und seine Mutter haben sich nach der Gründungsphase entschieden, dem IFK treu zu bleiben: „Ich finde es wichtig, einem Verband anzugehören, weil er uns Therapeuten auf politischer Ebene eine Stimme verleiht. Es ist wichtig, dass wir einen starken Verband haben, der sich für unsere Interessen einsetzt, wie zum Beispiel für die Vergütungserhöhung im vergangenen Jahr“, sagt er. Den politischen Aspekt der Verbandsarbeit sieht auch Borchert: „Das finde ich wichtig, denn sonst wären wir sehr allein. Durch die Verbandarbeit sind wir in der Politik viel präsenter geworden. Der IFK gibt uns eine Stimme.“

Hand in Hand mit anderen Professionen

Auch wenn es um die Physiotherapie an sich geht, kommen die beiden – trotz des großen Altersunterschieds – auf einen Nenner. „Ich finde es sehr gut, dass die Therapie mittlerweile immer mehr ins Aktive geht. Ich würde mir wünschen, dass man zu diesem Aspekt und wie man den Patienten wieder in den Alltag integriert, schon in der Ausbildung mehr lernt“, sagt Chalupecky.

Aber es ist wichtig zu wissen, wie die anderen Therapieberufe arbeiten, damit man gut zusammenarbeiten kann.“ Borchert pflichtet ihrem jungen Kollegen hier bei: „Das geht mir in meiner Arbeit mit den Kindern genauso. Es nützt nicht viel, wenn ich nur in der Therapie die Grifftechniken anwende. Das müssen die Eltern auch in den Alltag integrieren. Unser Beruf ist ein schöner Beruf, aber der steht nicht allein. Die Physiotherapie geht Hand in Hand mit den anderen Gesundheitsberufen. Das macht unseren Beruf so lebendig“, sagt sie.

Weiterentwicklung der Physiotherapie spürbar

Was begeistert Borchert so an ihrem Beruf, dass sie diesen noch immer ausübt, während viele Altersgenossen bereits ihren Ruhestand genießen? Darauf weiß sie eine klare Antwort: „Die Arbeit mit den Kindern gibt mir so viel Kraft, davon profitiere ich. Und ich genieße die Zuneigung der Kinder zu mir. Sie mögen mich einfach, vielleicht weil ich wie eine Oma bin.“ Mit so viel Erfahrung sieht Borchert natürlich auch, wie sich das Berufsfeld in den letzten Jahren und Jahrzehnten verändert hat. „Dass die Ausbildung an vielen Stellen mittlerweile schulgeldfrei ist, finde ich sehr wichtig. Physiotherapie ist ein toller und wichtiger Beruf, da sollte es nicht am Geld scheitern“, meint sie.

Borchert hat zudem über die Jahre eine Weiterentwicklung der Therapie an sich wahrgenommen: Durch immer mehr Forschung haben sich das Wissen, die Erfahrung und die Therapiemöglichkeiten in der Physiotherapie deutlich weiterentwickelt.

Akademisierung befürwortet

„Ich finde es gut, dass immer mehr Überlegungen in Richtung der Akademisierung der Physiotherapie gehen“, sagt Chalupecky zu seinen Wünschen für die Zukunft der Physiotherapie. „Ich erhoffe mir davon, dass es mehr Evidenz und Studien gibt, sodass man evidenzbasierter arbeiten kann. Die Akademisierung würde die Physiotherapie außerdem in der Außenwirkung aufwerten.“ In dem Punkt stimmt ihm Borchert zu. Solange die Ausbildung weiter einen hohen Praxisanteil habe, befürworte sie es, wenn Physiotherapie zukünftig an Hochschulen gelehrt würde. Aber: „Dann müssen die Krankenkassen auch in der Vergütung mitmachen. Ich will ja kein Haus auf Teneriffa, aber ich will meine Brötchen – und Butter hätte ich auch gerne noch darauf“, sagt sie schmunzelnd.

Kompetenzen weiter ausweiten

Chalupecky hat noch weitere Ideen für die Zukunft: „Ich würde mir wünschen, dass den Therapeuten mehr Kompetenzen zugesprochen werden. Dass sie also beispielsweise einen Erstkontakt mit dem Patienten haben oder sie selbstständig ein Folgerezept ausstellen dürfen. Wir möchten auf Augenhöhe mit den Ärzten agieren.“ In einem sind sie sich mit Blick auf ihren Beruf und die Zukunft einig: „Ich will für die Menschen da sein“, sagt Borchert. „Das auf jeden Fall“, pflichtet Chalupecky ihr bei.

 

Fotos: IFK

 

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