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Positionen

Als Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten vertritt der IFK die Interessen seiner Mitglieder gegenüber der Politik, den Krankenkassen, der Ärzteschaft und anderen Institutionen im Gesundheitswesen und setzt sich dafür ein, die Arbeitsbedingungen selbstständiger Physiotherapeuten stetig zu verbessern. Dabei liegen uns eine angemessene Vergütung, gute Arbeitsbedingungen sowie Strategien gegen den Fachkräftemangel besonders am Herzen. 

Dafür setzen wir uns ein:

  • bessere Arbeitsbedingungen durch eine zeitgemäße Leistungsbeschreibung für eine zukunftsfeste therapeutische Versorgung
  • eine angemessene Vergütung, die eine wirtschaftliche und leistungsgerechte Praxisführung ermöglicht
  • ein modernes Berufsgesetz, das der wachsenden Komplexität des physiotherapeutischen Berufsbildes gerecht wird und eine hochschulische Ausbildung beinhaltet  
  • mehr Autonomie für Physiotherapeuten (Direktzugang)

Verantwortungsvolle Patientenversorgung braucht jetzt Weichenstellungen

Aktuelle Probleme belasten die Physiotherapie stark. Der sich stetig verschlimmernde Fachkräftemangel, die nicht wirtschaftlich tragbare Vergütung durch die gesetzlichen Krankenkassen und die Kostensteigerungen durch Inflation und Teuerung der Sachkosten erfordern kurzfristig konkrete Lösungsansätze, damit die Patientenversorgung nicht gefährdet ist.  Aber auch langfriste Themen müssen bereits jetzt vorbereitet werden. Uns fehlt die Zeit, Versorgungsforschung in der Physiotherapie immer wieder in die Zukunft zu verschieben. Einen Lichtblick liefert dazu der Koalitionsvertrag der Bundesregierung: „Wir bringen ein Modellprojekt zum Direktzugang für therapeutische Berufe auf den Weg.“

Internationale Erfahrungen zeigen, dass der Direktzugang für Patienten einen schnelleren Therapiebeginn und damit eine deutliche Verbesserung der medizinischen Versorgung bietet, da sie nicht erst beim Arzt auf einen Termin warten müssen, um eine Verordnung zu erhalten. Der Direktzugang sorgt also dafür, dass den Patienten schneller geholfen wird als derzeit. Die Ablösung der tradierten Arbeitsteilung zwischen Arzt und Physiotherapie durch den Direktzugang ermöglicht es zudem, das Gesundheitssystem in diesem Bereich völlig neu zu durchdenken – vom Patienten aus und mit seinen Bedürfnissen im Blick – und die knappen im System verfügbaren Ressourcen bestmöglich zu nutzen und ärztlicherseits zu entlasten.

Für Physiotherapeuten bedeutet der Direktzugang in erster Linie einen großen Schritt hin zu mehr Professionalisierung des Berufsbilds, insbesondere mehr Autonomie. In Zeiten des sich stetig verschlimmernden Fachkräftemangels braucht die Branche dringend eine Reform, die den Beruf attraktiver macht und das starre Korsett der Arbeitsbedingungen zugunsten von mehr Flexibilität und Eigenverantwortung aufbricht.

Internationale Studien belegen, dass der Direktzugang zur Physiotherapie sowohl die Qualität als auch die Wirtschaftlichkeit der Versorgung verbessert. Ein Blick über den internationalen Tellerrand zeigt, dass der Direktzugang in anderen Ländern bereits seit Jahren erfolgreich im Einsatz ist. Vor allem im muskuloskelettalen Bereich nutzen Patienten die Möglichkeit, schnell und einfach eine Einschätzung ihrer Beschwerden einer physiotherapeutischen Fachfrau einzuholen und sich behandeln zu lassen. Beim Erkennen sogenannter „Red Flags“ oder wenn sich Symptome nicht verbessern, leitet der Physiotherapeut natürlich an einen (Fach-)Arzt weiter.

Es geht also nicht darum, die verschiedenen Professionen gegeneinander auszuspielen und den jeweils anderen mit seinen Kompetenzen infrage zu stellen, sondern ein interdisziplinäres Miteinander zu schaffen, in dem die Versorgung der Patienten bestmöglich organisiert ist. Eine neue Rollenverteilung ist immer eine Herausforderung. Doch der Direktzugang in der Physiotherapie hat das Potenzial, eine neue, patientenorientierte Zusammenarbeit zu ermöglichen und die Kompetenzen aller Berufsgruppen bestmöglich zu nutzen. Effektivität und Effizienz der Therapie werden gesteigert, die Versorgung in der Fläche verbessert - so die Annahme für das deutsche Gesundheitssystem.

Bevor das Thema Direktzugang im Rahmen einer Regelversorgung diskutiert werden kann, bedarf es konkreter Forschungsergebnisse, die die Basis für weitere Diskussionen im Kontext des deutschen Gesundheitssystems bilden können: Wie ist die Behandlungsqualität? Wie wird Patientensicherheit garantiert? Wie ist der prospektive Behandlungserfolg? Welche wirtschaftlichen Effekte treten ein? Wie ist das Inanspruchnahmeverhalten von Patienten? Welches Qualifikationsniveau überzeugt? Dies sind nur einige der Fragen, die in einem Modellvorhaben zum Direktzugang untersucht werden müssen.

Eine Voraussetzung für ein solches Modellvorhaben ist eine neu zu schaffende gesetzliche Grundlage. Auf Basis der Ergebnisse eines Modellvorhabens – die erst in einigen Jahren vorliegen würden – wäre zum ersten Mal eine wirkliche Diskussion über den Direktzugang im deutschen Gesundheitssystem möglich.

Gegenwärtige Diskussionen zum Direktzugang sind oft von Annahmen geleitet. Annahmen, die mitunter auch zur Ablehnung eines solchen Vorhabens führen, mit der Begründung, dass zu viele Fragen offen und internationale Erfahrungen nicht übertragbar seien. Das offensichtliche Paradoxon, dass diese Fragen ohne ein Modellvorhaben nicht beantwortet werden können, wird dabei häufig außer Acht gelassen. Schon jetzt steht jedoch fest, dass der Direktzugang in Deutschland nur ein Baustein der physiotherapeutischen Versorgung sein kann und nicht für alle Patienten bzw. Diagnosen geeignet ist. Beispielsweise für multimorbide Patienten oder bei Diagnosen, für die bildgebende Verfahren erforderlich sind, wird eine Behandlung über den Direktzugang nicht angezeigt sein. Auch Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass die Gruppe der Patienten, die über den Direktzugang behandelt werden können, begrenzt ist. Vor allem bei jüngeren Patienten oder Symptomen wie dem unspezifischen Rücken- und Nackenschmerz, wird jedoch von sehr guten Erfahrungen berichtet.  

Neben dem kurzfristigen Handlungsbedarf, dem Fachkräftemangel auch gesetzgeberisch zu begegnen, plädiert der IFK dafür, schon jetzt eine gesetzliche Grundlage auf den Weg zu bringen, die weitere Forschung ermöglicht, um zukünftige Versorgungsthemen auf der Basis gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse, in eine seriöse Debatte zu führen. Eine Debatte, die auf Ergebnissen fußt, nicht auf Annahmen.

Der Text erschien in der Zeitschrift physiotherapie (Ausgabe 5-22)

Modellvorhaben für mehr Autonomie

Zwischen 2011 und 2018 führte der IFK gemeinsam mit der BIG direkt gesund ein Modellvorhaben für mehr Autonomie in der Physiotherapie. Alle Informationen dazu finden Sie hier.

 

Dr. Björn Pfadenhauer

Geschäftsführer
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