Physiotherapie mit Obdachlosen: Wenn der Hunger da ist, werden Nackenschmerzen sekundär

Physiotherapeutin Carmen Speck im Interview

Dieser Artikel erschien zuerst in der Maiausgabe der IFK-Mitgliederzeitschrift physiotherapie

Den Kontakt zu Obdachlosen kennen viele Menschen nur aus dem Besuch der städtischen Fußgängerzone – Carmen Speck hat ihn zu ihrem Beruf gemacht. Die missionsärztliche Schwester und Physiotherapeutin behandelt in der Straßenambulanz der Caritas in Frankfurt am Main Menschen ohne festen Wohnsitz. Wie sie dazu kam und was das Besondere an dieser Aufgabe ist, erzählt sie dem IFK im Interview.

Frau Speck, Sie bieten Physiotherapie für Obdachlose an. Wie sind Sie dazu gekommen?
Ich bin in der Schweiz geboren und hab dort, nachdem ich Grundschullehrerin war, nochmal studiert und im Zweitberuf Physiotherapie gelernt. Danach arbeitete ich viele Jahre im Krankenhaus und an einer Fachhochschule als Praxisanleiterin und Dozentin, ehe ich 2009 durch die Ordensgemeinschaft nach Frankfurt kam. Hier war ich zuerst in einer Praxis und später im Krankenhaus tätig. Ich habe für mich gemerkt, dass es einiges am Gesundheitswesen in Deutschland gibt, das mich stört, zum Beispiel der permanente Blick auf die Rentabilität. In dieser Zeit hatte ich bereits durch meine Ordensschwestern Kontakt zur Straßenambulanz, die mich oft anriefen und mich baten, für sie zu dolmetschen: Englisch, Italienisch, Französisch und Bulgarisch. Irgendwann merkte ich schließlich: Ich und das Gesundheitswesen in Deutschland, das passt nicht zusammen. Daher entschied ich, nicht in einer klassischen Gesundheitseinrichtung zu arbeiten, sondern fing beim Caritasverband an, zuerst als Quereinsteigerin in der Sozialberatungsstelle. Seit 2016 arbeite ich in der Straßenambulanz. Ich habe schnell gemerkt, dass das viel besser zu mir passt. Zunächst war ich eher als Allrounderin mit Sprachmittlung angestellt, zumindest bis mir auffiel, dass eigentlich auch die Physiotherapie hier was Gutes wäre. Und dann ist es so gewachsen. 

Wie sieht die Gesundheitsversorgung von Menschen ohne festen Wohnsitz bei Ihnen aus, wie muss man sich das vorstellen?
Wir als Praxis haben eine sogenannte Institutsermächtigung, das heißt, wir sind Teil des medizinischen Regelsystems. Wenn ein Patient versichert ist, können wir, wie andere Arztpraxen auch, die Karte einlesen und das über die Krankenkasse abrechnen. Dadurch, dass aber 70 Prozent unserer Patienten nicht versichert sind, sind wir zusätzlich auf andere Finanzierungen angewiesen. Unsere Straßenambulanz ist zu zwei Dritteln über die Stadt Frankfurt finanziert, dabei handelt es sich aber nicht um eine feste Finanzierung, sondern um zeitlich begrenzte Verträge. Das andere Drittel kommt über Spenden zusammen. Wir haben ein relativ hohes Spendenaufkommen – Gott sei Dank! Aber es gibt natürlich die Einschränkung, dass das jedes Jahr wieder neu reinkommen muss. 

Müssen Ihre Patienten vorher einen Arzt gesehen haben, wie das in der klassischen Regelversorgung in Deutschland der Fall ist?
In der Straßenambulanz machen wir das so: Wir haben Ärzte und Gesundheitspfleger vor Ort. Und wenn beispielsweise ein Patient kommt, und sagt, dass er umgefallen ist, seitdem schmerze ihm der Fuß, dann wird der neu aufgenommen und kommt zunächst zur Pflege. Dort werden seine Vitalparameter gemessen. Danach geht er für die weitere Untersuchung zum Arzt. Und dieser wird bei Bedarf ein physiotherapeutisches Konzil einleiten. Dann komme ich dazu, untersuche den Patienten und gebe meine Diagnosevermutung und eine Empfehlung ab und der Arzt entscheidet, wie wir weiter verfahren. Es gibt also entweder dieses physiotherapeutische Konzil oder der Arzt verordnet direkt Physiotherapie, etwa bei Rückenschmerzen. Ich vergebe dann entweder Termine, wenn der Patient Termine wahrnehmen kann, oder mache direkt die erste Physiotherapiebehandlung.

Über typische Beschwerdebilder, Überraschungsmomente in der Behandlung und Frau Specks Zukunftspläne lesen Sie mehr zum Thema „Physiotherapie mit Obdachlosen“ in der Maiausgabe des IFK-Mitgliedermagazins physiotherapie

 

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